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Wenn Darmmikrobiom und Psyche falsch kommunizieren

Aktualisiert: 4. Dez. 2023


verdreckte Toilette an bröckelnder Ziegelwand

Im täglichen Leben bekommen wir immer wieder zu spüren, wie Darm und Psyche kommunizieren: Ein bevorstehendes Ereignis macht uns nervös und wir rennen mehrfach zur Toilette, obwohl wir eigentlich gesund sind. Oder wir sind auf Reisen und erreichen endlich die lang ersehnte Toilette - doch sie ist vollkommen verdreckt und plötzlich geht nichts mehr.

Viele von uns kennen solche Situationen, trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wie eng Psyche und Darm zusammenarbeiten. Das trifft auch auf psychische Störungen zu, die häufig mit Magen-Darm-Beschwerden einhergehen. Die Darmflora nimmt dabei eine Schlüsselstellung ein.



Darmmikrobiom und Psyche: ein Dialog


Ein zentraler Kommunikationsweg zwischen Psyche und Darm ist der Vagusnerv: Er ist der längste der zwölf Hirnnerven und er verbindet den Hirnstamm mit einer ganzen Reihe von Organen, darunter auch der Darm. Vor allem über den Vagusnerv reguliert das Gehirn für uns unbewusst, wie stark sich der Darm bewegt, welche Stoffe unser Körper in den Darm abgibt und wie durchlässig die Darmschleimhaut ist. Darüber beeinflusst das Gehirn auch, wie sich das Mikrobiom zusammensetzt und welche Stoffe es bildet.


Das hat für unsere Gesundheit große Bedeutung, denn im Darm gibt das Mikrobiom den Ton an: Es ernährt die Darmschleimhaut zu achtzig Prozent, beeinflusst ebenfalls unsere Darmtätigkeit und trainiert das Immunsystem, dessen Zentrale im Darm liegt. Das erreicht es, indem es einfach nur dort lebt und Bestandteile unserer Nahrung verdaut. Die Darmbakterien treten einerseits als ganze Zellen mit unserem Immunsystem in Kontakt und beeinflussen so unsere Immunantwort. Andererseits produzieren sie eine Vielzahl von Stoffen, deren "Sprache" unser Körper "versteht". Die Stoffe können vor Ort wirken oder Signale an das Immunsystem, das Nervensystem und das Hormonsystem senden. Auch der Vagusnerv kann einige der Signale aufnehmen und an das Gehirn übertragen. Die von der Darmflora gebildeten Stoffe können außerdem ins Blut übertreten und zum Teil bis ins Gehirn gelangen.



Gestörtes Mikrobiom verursacht Depressionen


eine weiße Maus

Wie Forschende bereits mehrfach an Mäusen zeigen konnten, kann eine veränderte Darmflora Symptome einer Depression auslösen. [1] Für eine aktuelle Untersuchung zogen Forschende eine Gruppe von Mäusen auf, bei denen genetisch bedingt Symptome einer Depression bestehen. Das Mikrobiom der Mäuse war anders zusammengesetzt als bei nicht-depressiven Mäusen. Daraufhin übertrugen die Forschenden die Darmbakterien der depressiven Mäusegruppe auf gesunde Mäuse. Die gesunden Mäuse waren zuvor mit Antibiotika behandelt worden, um die vorhandenen Darmbakterien zu beseitigen und Platz für die neuen Bakterien zu schaffen. Mit der neuen, anders zusammengesetzten Darmflora entwickelten die zuvor gesunden Mäuse ebenfalls Symptome einer Depression - allerdings nur bei intaktem Vagusnerv. Durchtrennten die Forschenden den Vagusnerv der Mäuse, blieben die depressiven Symptome aus.



Falsche Signale bei psychischen Erkrankungen


Entsteht ein Ungleichgewicht in der Zusammensetzung des Mikrobioms, kann sich ändern, welche Stoffe das Mikrobiom im Darm bildet. Damit ändern sich auch die Signale, die vom Darm aus das Gehirn erreichen, und die Kommunikation kann aus dem Takt geraten. In der Folge kann die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger werden, Bereiche des Gehirns können sich entzünden und neurologische und neurodegenerative Erkrankungen können entstehen.

eine Ärztin und ein Arzt betrachten  einen Hirnscan, um den Einfluss von Darmmikrobiom und Psyche zu untersuchen

Forschende haben veränderte Konzentrationen der mikrobiell gebildeten Stoffe mit mehreren neurologischen Erkrankungen beim Menschen in Zusammenhang gebracht. [2] Dazu zählen:

  • Morbus Parkinson

  • Morbus Alzheimer

  • Autismus-Spektrum-Störungen

  • chronischer Stress

  • Magersucht und

  • Depressionen.


Ehequalität, Mikrobiom und depressive Symptome

Eine klinische Studie von 2021 zeigt anschaulich, wie unmittelbar Darmmikrobiom und Psyche verbunden sind. [3] Forschende haben in der Studie untersucht, wie sich die Ehequalität einerseits auf Symptome einer Depression und andererseits auf das Darmmikrobiom und die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut auswirkt. Dafür gaben 162 Personen im Abstand von circa 90 Tagen Stuhl- und Blutproben ab und füllten Fragebögen zu ihrer psychischen Verfassung aus. Depressive Symptome bewerteten die Forschenden anhand der Center for Epidemiological Studies Depression Scale (CES-D).


Das Ergebnis: Bei den Probandinnen und Probanden mit Beziehungsproblemen nahmen die depressiven Symptome während der beobachteten 90 Tage zu. Parallel nahmen Vielfalt und Fülle des Mikrobioms im Darm ab und mehr Darmbakterien oder auch Bakterienbruchstücke traten aus dem Darm ins Blut über. Bakterienbestandteile im Blutkreislauf sind problematisch, weil sie Entzündungen im ganzen Körper anheizen und damit einer Reihe von Erkrankungen Vorschub leisten können. Eheprobleme samt Symptomen einer Depression lösten also über ein verändertes Darmmikrobiom und eine durchlässigere Darmwand ein umfassendes Gesundheitsrisiko aus.


Frau und Mann stehen in der Küche und streiten sich
Eheprobleme beeinträchtigen Darmmikrobiom und Psyche

Bei den Probandinnen und Probanden mit einer glücklicheren Ehe verstärkten sich die depressiven Symptome dagegen nicht und die Zusammensetzung des Mikrobioms und die Durchlässigkeit der Darmwand blieben unverändert.



Mikrobiom beeinflusst innere Uhr


Für Depressionen und andere psychische Störungen ist noch ein weiterer Einfluss des Darmmikrobioms relevant: Es kann über seine Stoffwechselprodukte unsere innere Uhr beeinflussen. [4] Bei psychischen Störungen und auch bei neurodegenerativen Erkrankungen ist der 24-Stunden-Rhythmus häufig gestört. Die Gallensäuren und die kurzkettigen Fettsäuren Buttersäure und Propionsäure stehen bei der Regulation der inneren Uhr im Vordergrund. Entsprechend schwanken die Buttersäure- und Propionsäure-Spiegel im Darm im Tagesverlauf. Wie genau die von den Darmbakterien gebildeten Stoffe den Tagesrhythmus mit bestimmen, müssen Forschende noch untersuchen. Interessant ist in dem Zusammenhang aber: Die tageszeitabhängigen Schwankungen der Buttersäure- und Propionsäure-Spiegel im Darm gehen bei einer fettreichen Ernährung verloren - und damit wahrscheinlich auch deren Einfluss auf unsere innere Uhr.


Ernährung beeinflusst Signale des Mikrobioms


Rohes Fleisch auf einer Papiertüte, daneben Salzkristalle

Insgesamt hängt es stark von unserer Ernährung ab, wie die Darmflora zusammengesetzt ist und welche Stoffe sie bildet. Essen wir zum Beispiel über einen längeren Zeitraum viel Fleisch und gesättigte Fettsäuren, befinden sich mehr Bacteroides-Bakterien in unserem Darm. Ernähren wir uns dagegen vor allem von Kohlenhydraten, herrschen Bakterien der Gattung Prevotella vor. Diese Zusammenhänge hatten Forschende im Jahr 2011 entdeckt und die Daten hatten sie veranlasst, die Darmflora in drei Enterotypen aufzuteilen:


  • Enterotyp 1: Bacteroides-dominiert

  • Enterotyp 2: Prevotella-dominiert

  • Enterotyp 3: Ruminococcus-dominiert


In der Fachwelt ist seither umstritten, wie viele Enterotypen es gibt und ob sie sich exakt voneinander abgrenzen lassen. Aber unabhängig von der genauen Zahl und der Schärfe der Abgrenzung: Die Enterotypen scheinen für das Zusammenspiel zwischen Darmmikrobiom und Psyche eine Rolle zu spielen. Das zeigten Forschende in einer Mikrobiom-Studie, in der sie gesunde Frauen mit hirnbildgebenden Verfahren untersuchten. [5] Im Ergebnis reagierten Probandinnen mit mehr Prevotella-Bakterien im Darm mit stärkeren Emotionen; gleichzeitig waren die Regionen ihrer Gehirne stärker vernetzt, die an Emotionen, Aufmerksamkeit und sensorischer Verarbeitung beteiligt sind.


Behandlung mit lebenden Bakterien


Um psychische Störungen zu behandeln, erscheint es vielversprechend, mit Hilfe von natürlichen Darmbakterien in die veränderte Kommunikation zwischen Darmmikrobiom und Psyche einzugreifen. Allerdings stößt der Ansatz auf ein zentrales Problem beim pharmazeutischen Einsatz lebender Bakterien: Bisher ist nur eine begrenzte Anzahl an Bakterienarten auf dem Markt, die beim Menschen eingesetzt werden dürfen.


Die Ergebnisse der Studien mit den zugelassenen Produkten sind widersprüchlich. Mehrere Studien zeigten eine Besserung der psychischen Verfassung, nachdem die Probandinnen und Probanden die Bakterienstämme oder bakterienhaltigen Produkte zu sich genommen hatten [2]:

Verabreichte Bakterien oder Produkte

Wirkung

probiotikahaltiger Joghurt

verbesserte Stimmung

Lactobacillus helveticus und Bifidobacterium longum

verringerte Angst- und Depressionswerte, verringerte Wut und Feindseligkeit und erhöhter Fokus auf Problemlösung

Lactobacillus acidophilus, Lactobacillus casei und Bifidobacterium bifidum

verringerte Depressionswerte

Eine Analyse von 30 randomisierten placebokontrollierten Studien am Menschen kam dagegen zu einem anderen Ergebnis. Im Vergleich zum Placebo wirkten sich die meisten der untersuchten Probiotika nicht auf Stimmung, Angst, Depression und psychische Belastung aus.


Derzeit laufen weitere klinische Studien, um vielversprechende Bakterienstämme für die Behandlung psychischer Störungen zu identifizieren. Sollte das gelingen und der notwendige Sicherheitsstatus für die Bakterien nachgewiesen werden, stünde eine natürliche und wahrscheinlich nebenwirkungsarme Therapieoption zur Verfügung. Eine Behandlung mit den Bakterien könnte der gestörten Kommunikation zwischen Darmmikrobiom und Psyche entgegenwirken. Nachhaltig lässt sich die psychische Gesundheit allerdings nur verbessern, wenn wir gleichzeitig unsere Ernährungsgewohnheiten und psychische Belastungen im Blick behalten.



Literatur


  1. Pu, Y. et al., 2021: A role of the subdiaphragmatic vagus nerve in depression-like phenotypes in mice after fecal microbiota transplantation from Chrna7 knock-out mice with depression-like phenotypes. Brain Behav Immun. 94:318-326. doi: 10.1016/j.bbi.2020.12.032.

  2. Sasso, J. M. et al., 2023: Gut Microbiome-Brain Alliance: A Landscape View into Mental and Gastrointestinal Health and Disorders. ACS Chem Neurosci. 14(10): 1717-1763. doi: 10.1021/acschemneuro.3c00127.

  3. Kiecolt-Glaser, J. K. et al., 2021: The gut reaction to couples' relationship troubles: A route to gut dysbiosis through changes in depressive symptoms. Psychoneuroendocrinology 125:105132. doi: 10.1016/j.psyneuen.2021.105132.

  4. Frazier, K. and Chang, E. B.,2020: Intersection of the Gut Microbiome and Circadian Rhythms in Metabolism. Trends Endocrinol Metab. 31(1):25-36. doi: 10.1016/j.tem.2019.08.013.

  5. Tillisch, K. et al., 2017: Brain Structure and Response to Emotional Stimuli as Related to Gut Microbial Profiles in Healthy Women. Psychosom Med. 79(8): 905-913. doi: 10.1097/PSY.0000000000000493.

 
 
 

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